Pilot-Projekt

 „Kochen und Ernährung / Ess- und Tischkultur“ im Kontext regionaler Zeitgeschichte

Haus Harkotten von Korff
 
Vorbemerkung:
Die historische Anlage „Schlösser Harkotten“ mit ihren beiden denkmalgeschützten Schlossbauten und weiteren baulichen und Gartenanlagen sowie Gräften und Teichen ist ein einzigartiges Projekt im östlichen Münsterland. Das klassizistische Haus Harkotten von Korff, errichtet durch den Architekten Adolf von Vagedes, ist ein typisches Beispiel adeligen Lebensstils im Übergang zur bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Neben den herausragenden baulichen und kunsthistorischen Zeugnissen des Herrenhauses steht die gesamte Hofanlage stellvertretend für einen gutsherrlichen landwirtschaftlichen Betrieb im Übergang von Absolutismus zur demokratisch bürgerlich bewegten Gesellschaft. Kennzeichen dieser Art großgrundlicher landwirtschaftlicher Betriebe ist, dass sie in der Regel nicht nur größter Arbeitgeber der Region, sondern auch häufig deren kultureller Nukleus waren. Die Kunstsinnigkeit und der Bezug zu den aktuellen Strömungen des zeitgeschichtlichen Handwerks, des Kunsthandwerks und der Kunst, bilden sich in diesem Haus ebenso ab wie der wirtschaftliche Hintergrund, der dieses überhaupt möglich machte.
Handelt es sich bei dieser Anlage eben nicht nur um ein herrschaftliches Anwesen, sondern vor allem um einen Wirtschaftsbetrieb mit den dazugehörenden notwendigen Einrichtungen wie Mühle, Stallungen, Forsthaus, Scheunen, Gärten, Gemüsegärten, Obstwiesen, Wiesen, Felder , Wälder und Seen. Ein solcher Betrieb konnte nur aufrecht erhalten werden mit einer Vielzahl von Mitarbeitern, die dort in quasi dörflicher Gemeinschaft lebten und arbeiteten. Heute muss man sich einen Betrieb dieser Art vorstellen wie ein kleines mittelständisches Unternehmen mit Vorstand (Gutsherr), Führungsleuten (Verwalter, Rentmeister, Forstmeister etc.) und den vielen Spezialisten wie Pachtbauern, Schmieden, Waldarbeitern, Landarbeitern und Bediensteten von Haus und Hof.
Selbstverständlich waren diese Unternehmen Selbstversorger, dass heißt, die notwendigen Dinge des täglichen Bedarfs wurden in der Regel im eigenen Betrieb hergestellt, mit unterschiedlicher Gewichtung, je nach Region. Lediglich Luxusgüter oder Handelswaren, die nicht selbst hergestellt werden konnten, wurden auf den regionalen Märkten und Handelsplätzen zugekauft. Dies ist deshalb von besonderem Interesse, weil unsere heutige Gesellschaft zunehmend diese Form der dezentralen Versorgung wiederentdeckt. Das, was früher Lebenswirklichkeit war – also Alltag -, wird heute als Luxusgut wieder neu entdeckt.
 
Konzept:
Vor diesem geschichtlichen Hintergrund entstand für den Förderverein „Freunde und Förderer des Denkmals Harkotten e. V.“ in Harkotten die Idee, in Kooperation mit den regionalen Schulen und im Rahmen des Geschichts- und Erdkundeunterrichts bei Jugendlichen, aber auch deren Eltern, aus der Geschichte und Tradition heraus den Gedanken der Selbstversorgung wieder zu beleben. Vor allem aber, vor diesem Hintergrund, auch das Thema Essen, Ernährung, Selbstversorgung sowie die Tischkultur in der familiären Gemeinschaft in einen umfassenden Gesamtzusammenhang zu stellen: das Ei kommt nicht aus dem Supermarkt, sondern es wird von einem Huhn gelegt, Brot entsteht nicht in einer Großbäckerei, sondern seine Grundprodukte werden auf dem Feld und im Garten angebaut, sie werden geerntet, weiter verarbeitet und haltbar gemacht. Gerätschaften und Arbeitsmaterial sowie die erforderlichen handwerklichen Arbeiten müssen erlernt, durchgeführt, gepflegt und repariert werden.

Die Zubereitung von Lebensmitteln und die Mahlzeiten werden wieder fester Bestandteil des Familienlebens. Ess- und Tischkultur werden zum gemeinsamen Erlebnis mit Aufgabenverteilung und Übernahme von Verantwortung für das Wohl des Einzelnen in der Gemeinschaft. In Harkotten bietet sich die einzigartige Chance, das Bewusstsein der Menschen des 21. JH, die in der Regel von diesen Prozessen abgekoppelt sind, für diese natürlichen, Jahrtausende alten Prozesse zu schärfen.

Hier am Ort existieren sie noch, die Strukturen der Selbstversorgung, mit Forstwirtschaft, mit Landwirtschaft, mit dem Gemüsegarten, mit der Obstwiese, dem Fischteich, dem Mühlengebäude, den landwirtschaftlichen Geräten, den Lagerscheunen. Und hier existiert noch die bauliche Struktur, deren Höhepunkt das Gutshaus selbst ist. Was liegt also näher, als sich dieser unschätzbaren Möglichkeiten zu bedienen, um daraus ein Gesamtkonzept zu entwickeln, in dem der Kreislauf des Lebens mit der Natur und von der Natur für den Menschen in der familiären Gemeinschaft für unsere Ernährung abzubilden ist.

Die Weltausstellung EXPO 2015 in Madrid mit ihrem Thema „Feeding the Planet, Energy for Life“ („Den Planten ernähren, Energie für das Leben – Ernährungskonzepte für das 21. Jahrhundert“) hat beispielhaft veranschaulicht, wie dringend geboten es ist, sich weltweit den Fragen und Themen zu stellen.

 
Vor diesem Hintergrund ist folgende Idee entstanden:
Die historische Gutsküche von Haus Harkotten von Korff und die darüber liegenden Gesellschaftsräume werden Zentrum einer der Öffentlichkeit zugängigen Erlebniswelt, in der es sich um diese Fragen dreht. Voraussetzungen dafür werden auf dem Gelände vom Herrenhaus Harkotten in vielfältiger Weise geschaffen. Es ist daran gedacht, Zug um Zug die heute zum Teil nicht mehr in Gebrauch befindlichen Gebäude für dieses Konzept in Betrieb zu nehmen. Es soll ein historischer Gemüsegarten nach alten Plänen angelegt werden. Die in Teilen heute noch vorhandenen Obstbäume (Quitte, Apfel und Birne) sowie eine zusätzlich geplante Streuobstwiese werden gepflegt und genutzt. Der Schlossteich mit Schlossgraben wird rekultiviert und für die Fischwirtschaft erschlossen. Die Nutztierhaltung mit Hühner und Gänsen soll ausgebaut werden. Auch das traditionelle Jagdwesen, verbunden mit der Beobachtung, Hege und Pflege des Waldes und seiner Bewohner wird im eigenen Wald vermittelt. Die Möglichkeiten der sinnvollen Nahrungsgewinnung und Verwertung hieraus, die größtenteils aus der Mode geraten ist, kann wieder verstanden und erlernt werden.

Es ist daran gedacht, dass Kinder und Jugendliche, geführt von Pädagogen, freiwilligen Ehrenamtlichen, aber durchaus auch von professionellen Kräften, diesen Kreislauf aktiv mitgestalten. Schulklassen sollen einen Gemüsegarten betreiben. Es werden Kurse in vorindustrieller, landwirtschaftlicher Produktion gegeben, Kinder ernten ihre eigenen Feldfrüchte, sammeln Hühnereier im Stall und verarbeiten und konservieren land- und forstwirtschaftliche Produkte in der hauseigenen Gutsküche.

Die Symbiose zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit ihrer versorgerischen Struktur und Verantwortlichkeit anhand historischer Überlieferungen wird gelebt.

Es werden Kochveranstaltungen durchgeführt, in denen professionelle Kräfte den Teilnehmern den Umgang mit natürlichen Produkten erläutern und die gesamte Nahrungskette, von der Aussaat und Pflege bis zur Speise auf dem eigenen Teller veranschaulichen.

Die Gesellschaftsräume in der Belle Etage des Herrenhauses dienen Ausstellungszwecken und Führungen, ebenso aber auch durchaus gesellschaftlichen Anlässen, bei denen das Ergebnis dieses Projektes präsentiert werden kann. Der Tischkultur und der Gebrauch von Porzellanen, Gläsern, Tischwäsche und Bestecken sowie aber auch historischem Kochmaterial, welches im Fundus des Herrenhauses größtenteils erhalten und vorhanden ist, werden in Gebrauch genommen und ermöglichen ein kultiviertes „Zelebrieren von Essen“.

Möglicherweise können berufsorientiert Empfehlungen ausgesprochen, zertifiziert und preisgekrönt werden. Kochveranstaltungen für die Öffentlichkeit sollen von den Schülern im Innen – und Außenbereich geplant und durchgeführt werden.

Gleichzeitig werden die Schüler mit der Geschichte ihrer Heimat, der aufklärerischen Zeitepoche des Klassizismus, der Architektur des Hauses und seines Architekten Vagedes sowie den Wandmalereien des Künstlers, Phillip F. Bartscher, vertraut gemacht und vermitteln durch historischen Hintergrund die eigene Identität mit der Heimat.

Die historische Küche als Produktionsort führt die Jugendlichen in die Welt des Mittelalters und gibt auch hier den Ausbildern die Möglichkeit, Geschichte der Region lebendig zu vermitteln.

Pilotprojekt:
Die oben angeführten ambitionierten Ziele können selbstverständlich nicht von heute auf morgen umgesetzt werden. Entscheidend jedoch ist, dass sich ein langfristiges Gesamtkonzept entwickelt. Als Initial oder Anschub kann deshalb des Pilotprojekt „Gutsküche Herrenhaus Harkotten“ dienen. Die historische Gutsküche, deren Ursprünge sich bis ins Spätmittelalter zurückverfolgen lassen, wurde bis in die 60er Jahre des 20. Jh. im nordöstlichen Keller des Hauses betrieben. Die Gutsküche soll unter Verwendung ihrer historischen Substanz und unter Federführung des Landeskonservators an historischem Ort wiederbelebt werden. Noch heute existiert eine Kochstelle, deren Ursprünge auf den Vorgängerbau des klassizistischen Hauses zurückgehen. In den Nebengelassen finden sich Räucherkammern, Karpfenbecken und eine Vielzahl anderer „technischer Einrichtungen“, wie sie über Jahrhunderte in einem solchen Betrieb genutzt wurden.

An diesem Ort wird Geschichte gelebt. Es existiert bereits auf dem Gutsgelände ein Ausflugslokal mit angeschlossener Küche und entsprechendem Personal. Hier ergeben sich enorme Synergieeffekte. Wenn die Küche in Betrieb genommen ist, soll im nächsten Schritt der historische Gemüsegarten wiederbelebt werden. Die bereits existierende Kleintierhaltung kann in dem Zuge behutsam ausgebaut werden.

Betriebskonzept:
Schritt für Schritt sollen in den nächsten Bauphasen die Gesellschaftsräume, aber auch Dach und Fach dieses Hauses, behutsam restauriert werden. Von besonderer Bedeutung sind hier die kürzlich wieder entdeckten umfangreichen Wand- und Deckenmalereien Bartschers, daneben die umfassende Ausstattung des Hauses mit Mobiliar, Einrichtungen, Bildern etc.

Vorgespräche mit der Sekundarschule in Sassenberg sowie der Ludwig-Windthorst-Schule in Glandorf (Niedersachsen) haben bereits stattgefunden. Das Interesse der Lehrerschaft dieser Schulen ist bereits groß und Pläne, dieses Projekt ab dem neuen Schuljahr 2016/2017 in den Unterricht einzubinden, werden bereits verfolgt. So erarbeitet die Sekundarschule Sassenberg bereits in Kürze ein Konzept zur Realisierung bzw. Umsetzung einzelner Projekte für alle Jahrgangsstufen ab dem kommenden Schuljahr. Fest eingeplant ist inzwischen schon eine 2-Stündige Unterrichtseinheit pro Woche für jede einzelne Jahrgangsstufe mit altersbezogenen eigenen Themen..

Da die Schule in Glandorf zudem ein ähnliches Projekt mit eigenem Garten betreibt, wäre die Umsetzung in Harkotten als zusätzlichem Veranstaltungsort von großer Bedeutung. Denn es ist das Ziel der Lehrer – und Elternschaft, über das Schulgelände hinaus geeignete Orte und Bereiche zur Vermittlung von Lerninhalten zu finden. Zudem gibt es bereits eine AG, in der die Schüler den Umgang und die Reparatur alter Landmaschinen erlernen und benotet bekommen. Somit wurde bereits beschlossen, dass die Schüler dieser AG mit der Reparatur des alten Küppersbusch Ofens in der Gutsküche betraut werden.

Die Landvolkshochschule Volkshochschule Warendorf-Freckenhorst wurde durch die Vorstandsmitglieder des Fördervereins Harkotten informiert; das Projekt traf dort auf größtes Interesse, Mitarbeit und Mitwirkung wurden von dort signalisiert.

Durch das Pilotprojekt entstehen Synergieeffekte für den Gesamtbetrieb Harkotten. Eltern, die durch den Unterricht ihrer Kinder in Harkotten auf das vermittelte historische und kulturelle Leben aufmerksam werden, könnten zukünftig eigene „historische Kochkurse“ buchen, sowie die Räume zur Gestaltung von Tisch- und Esskultur nutzen wollen.

Ehrenamtliches Engagement der Eltern bei der Aufbereitung des Gartens, der Räume, der Obst und Streuwiese sowie der Tierhaltung ist zu erwarten. Regionale Firmen, Stiftungen und Privatpersonen können motiviert werden, das Projekt kurz- und langfristig finanziell und materiell zu unterstützen.

  1. Schrittweise Aktivierung brachliegender- bzw. wenig genutzter landwirtschaftlicher Einrichtungen.
  1. Einbindung der regionalen Träger von Bildung und Kultur.
  1. Aktivierung regionaler und überregionaler Medien

Maßnahmenkonzept:

  1. Wiederherrichtung der Gutsküche

Die historische Gutsküche aus mittelalterlicher Zeit hat im Laufe der Jahrhunderte mehrfache Überformungen erfahren, deren letzte größere zu Beginn des 20. JH. stattfand. Aus dieser Zeit finden sich die für die damalige Zeit typischen farbig durchgefärbte Werksteinfliesen, Reste von Wandfliesen im Bereich der Feuerstelle, bedeutende Reste der offenen Feuerstelle sowie ein noch weitgehend intakter, kohlebetriebener Kochherd der Fa. Küppersbusch. In Nebenräumen findet sich eine alte Räucherkammer, ein Karpfenbecken, verschiedenartiges technisches Gerät. Nachbauzeitliche Trennwände werden entfernt, die Gewölbe werden restauriert und Instand gesetzt, die Wände verputzt, teilweise verfliest und gestrichen. Sämtliches Holzwerk, wie Fenster und Türen ist bauzeitlich und wird restauratorisch und konservatorisch bearbeitet. In Zusammenarbeit mit dem Landeskonservator und der unteren Denkmalbehörde werden Material- und Farbkonzepte entwickelt und durch entsprechende Handwerker und Restauratoren umgesetzt. Ziel ist es, die historische Gutsküche unter größtmöglicher Verwendung bauzeitlicher Materialien und Einbauten wieder zu beleben. Für die oben beschriebene zukünftige Nutzung ist dabei von besonderem Wert, dass das gesamte Erdgeschoss (Keller und Küchengeschoss) ebenerdig erschließbar ist und eine schon aus historischer Zeit rührende Barrierefreiheit besitzt.

  1. Instandsetzung von Dach und Fach

Das Gesamtgebäude Harkotten bedarf einer schrittweisen Instandsetzung von Dach und Fach, wobei der Schwerpunkt hier bei der Sanierung und Instandsetzung der Schornsteinköpfe, der Gauben, Ortgänge, Kehlen und Traufen liegt. Darüber hinaus sind vor allem Maßnahmen an den Fenstergewänden, den fast ausnahmslos bauzeitlichen Fenstern, sowie den Putz- und Natursteinoberflächen notwendig. In einem ersten Maßnahmenpaket ist die Sanierung der Ostfassade, einschließlich der dazugehörenden Fenster sowie der Schornsteinköpfe eingeplant.

  1. Instandsetzung der Gesellschaftsräume und Restaurierung der Wandmalereien

Bei Renovierungsarbeiten wurden bedeutende Wandmalereien des Kunstmalers Philipp Bartscher entdeckt. Inzwischen konnten diese im gesamten Bereich der Beletage konservatorisch freigelegt und gesichert werden. Zur Zeit werden die denkmalpflegerisch notwendigen Maßnahmen mit den Behörden abgestimmt. Diese fließen in ein Sanierungskonzept ein. Geplant ist, die Gesellschaftsräume Zug um Zug und je nach individuellem Konzept zu renovieren, zu restaurieren, zu sichern und der Öffentlichkeit dauerhaft zugängig zu machen. Schon heute finden Führungen und kenntnisreiche Vorträge in den Räumen statt.

  1. Wiederherstellung von Garten und Parkanlagen

Im Rahmen des Pilotprojekts wurde bereits beschrieben, dass in den kommenden Phasen die umliegenden Garten- und Parkanlagen, eingebettet in das Nutzungskonzept, Stück für Stück hergerichtet, wieder hergestellt bzw. zum Teil nach historischem Vorbild neu angelegt werden sollen. Die Überlegungen in diesem Bereich befinden sich im Augenblick noch in der Konzeptphase.